In Zeiten sehr viel größer werdender Diskrepanzen, zwischen den real verfügbaren Einkommen und den damit verbundenen Differenzierungen im Kapital- wie im Sozialraum, wollen wir einmal nachfragen, was ein doch sehr bekannter Vertreter der zu dieser sich immer mehr abgrenzenden bzw. verfestigenden Kapitalschichtung behauptet. Hier wird der Kapitalbegriff zwar in der Tradition Karl Marx gewohnt, etwas abgewandelt, verwendet.

Bordieu

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu unternimmt in seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ den Versuch, die Struktur der modernen Klassengesellschaft am Beispiel Frankreichs über gesellschaftlich tief verankerte Beurteilungs- und Wahrnehmungsschemata zu erklären, die er in einer „verleugneten Erfahrung eines gesellschaftlichen Verhältnisses der Zugehörigkeit und der Ausschließung“ gegründet sieht. Er entwickelt eine Theorie, nach der Geschmack ein quasi Natur gewordenes gesellschaftliches Verhältnis ist, das über Symbole der Festigung und Reproduktion von Herrschaftsstrukturen dient

Gesellschaft als sozialer Raum

Bourdieu konstruiert ein theoretisches Modell der Gesellschaft in Form eines „Sozialraumes“, in dem die gesellschaftliche Stellung von Individuen anhand ihrer Ausstattung mit Kapitalverortet werden kann. Unter Kapital wird dabei zweierlei verstanden: zum einen ökonomisches Kapital, zum anderen aber auch kulturelles Kapital. Der Sozialraum wird folgerichtig zweidimensional angelegt, wobei die erste Dimension das gesamte Kapitalvolumen, die zweite die Kapitalstruktur erfaßt – also das Verhältnis von ökonomischem und kulturellem Kapital zueinander.

Mit Hilfe relativ breit angelegter empirischer Befragungen über Einkommensverhältnisse, Schuldbildung, Berufsqualifikation, soziale Herkunft u.ä. werden Kapitalausstattungen gemessen und gesellschaftliche Stellungen im theoretischen sozialen Raum konkretisiert.
Es erfolgt dann eine Bündelung einzelner sozialer Positionen zu Gesellschaftsklassen: Entsprechend ihres Kapitalvolumens bilden die herrschende Klasse, die Mittelklasse und die Volksklasse dabei die Hauptunterteilung.
Bis hierhin folgt Bourdieu weitgehend der auf Marx zurückgehenden objektivistischen klassentheoretischen Tradition.
Darüber hinaus wird jedoch eine weitere Komponente in die Untersuchung eingeführt, die den auf Max Weber zurückgehenden subjektivistischen schichtungstheoretischen Ansatz aufgreift: Die Analyse von Lebensstilen. (Bourdieus Modell wurde u.a. deswegen gelobt, weil es den in den Sozialwissenschaften sonst üblichen Dualismus von Objektivismus und Subjektivismus durch Integration in denselben Analyserahmen aufhebt.) Empirisch untersucht Bourdieu ästhetische Wertschätzungen und Präferenzen der von ihm befragten Individuen – welche Nahrungsmittel, Musik, Literatur, Malerei, Sportarten, Wohnverhält-nisse, Automobile u.ä. sie bevorzugen.

Die Auswertung ergibt eine gewisse Korrespondenz zwischen subjektiven Werten im Lebensstil und objektiver sozialer Position, wenn auch keine zwingend kausalen Beziehungen. Generell wird jedoch deutlich, daß es so etwas wie klassenspezifischen Geschmack zu geben scheint.
Wie ist das möglich ?

Der Habitus und die Theorie über den Geschmack

Theoretisch begründet Bourdieu seine Entdeckung klassenspezifischer Geschmacksmuster mit dem, was er Habitus nennt. Zu einer bestimmten gesellschaftlichen Stellung gehöre (in den Augen der Gesellschaft) ein bestimmtes “Gehabe”. Gegenstände und Praktiken seien aufgrund ihrer potentiellen Verteilung auf ihrerseits klassifizierte Gruppen selber klassifiziert, weswegen es sich für den einzelnen nicht sonderlich schicke, jene Gegenstände und Praktiken zu bevorzugen, die für ihn nicht standesgemäß sind.
Mit anderen Worten: Der Habitus zwingt den Lebensstil zur sklavischen Ordnung unter das, was mit der eigenen sozialen Position für vereinbar gehalten wird; er läßt bestimmte Geschmacksmuster als notwendig erscheinen. Man fühlt sich genötigt zu zeigen, was man zu sein scheint.Geschmack ist für Bourdieu also nichts Individuelles, sondern ein „Natur gewordenes gesellschaftliches Verhältnis“; ein Vermögen, kraft Distinktion Unterschiede herzustellen und zu bezeichnen; die eigene Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse symbolisch zu unterlegen und dadurch insbesondere eine ersichtliche Abgrenzung von anderen Klassen zu erreichen.Analog zur Hauptunterteilung der Gesellschaftsklassen nimmt Bourdieu nun eine Abgrenzung der im Habitus angelegten geschmacklichen Grunddispositionen vor, die er den Klassen wie folgt zuteilt:

-in der herrschenden Klasse fände sich der „legitime“ Geschmack,

- in der Mittelklasse der „prätentiöse“ Geschmack,

- in der Volksklasse der „vulgäre“ (bzw. „illegitime“) Geschmack.

Als legitim gilt grundsätzlich, was auf breiter Front als legitim anerkannt ist. Legitimation wird über solche Meinungsführer (Schulen, Universitäten, Medien, Autoritäten) geliefert, die ihrerseits zur Abgabe von Legitimationsurteilen legitimiert erscheinen. Wer daran glaubt, daß ein derartiger Legitimationsprozeß legitim ist – und das tut jedenfalls jeder, der sich sein Verhalten vom Habitus diktieren läßt – , der weiß recht genau, welche wahrscheinliche Bedeutung und soziale Geltung bestimmte Praktiken und Güter in den Augen derjenigen ausdrücken, die ebenfalls daran glauben:
Er hat nicht nur eine konkrete Vorstellung davon, was gesellschaftlich generell legitimer Geschmack ist, sondern auch davon, was für ein Individuum in seiner sozialen Stellung legitimer Geschmack ist. Dies lenkt ihn auf die „passenden“ Güter und Aktivitäten.

Nun ist es aber so, daß die Legitimationsurteile aussprechenden Meinungsführer letztlich immer der herrschenden Klasse entstammen. Bourdieu unterstellt sicherlich nicht zu unrecht, daß die Herrschenden gerne weiter herrschen möchten; und dies kann nur gelingen, wenn sie bei sich selber und bei den Beherrschten ständig den Glauben an ihre Überlegenheit reproduzieren, damit ihre Machtposition natürlich erscheint. Es bietet sich dabei förmlich an, geschmackliche Legitimationsurteile für Dinge durchzusetzen, deren Gebrauch zwingend eine gewisse Mindestausstattung mit ökonomischen und/oder kulturellen Kapital erfordert, so daß jene, die diese Ausstattung nicht haben, vom Gebrauch dieser Dinge von vornherein ausgeschlossen und somit in der gehörigen Distanz des Unterlegenen gehalten sind.
So ist es auch in erster Linie der Distinktionswert, der nach Bourdieu bei der geschmacklichen Beurteilung auf legitim oder illegitim im Gegenstand gesucht wird. Ein populärer Gegenstand kann gewissermaßen per Definition ein so angelegtes Geschmacksurteil nicht erfolgreich bestehen, da er keine hinreichende Abgrenzung von der Masse erlaubt.
Eine andere Form des Sinns für Distinktion sei der Ekel vor dem Gewöhnlichen, vor der „Vulgarität“. Bourdieu weist mit allem Nachdruck darauf hin, daß Attribute wie „distinguiert“, „feinsinnig“, „anspruchsvoll“, „tiefgründig“, „gebildet“ oder „edel“ stets die Existenz ihrer Gegensätze „gewöhnlich“, „plump“, „anspruchslos“, „oberflächlich“, „ungebildet“ und „billig“ implizieren. Man kann sagen: Das Höhere erklärt sich durch das Niedere, und daß das Höhere über das Niedere herrscht, erscheint natürlich.

Wenn also klassische Lehrer der Ästhetik wie beispielsweise  Kant den „reinen Geschmack“ propagieren, distanzieren sie sich implizit vom „unreinen Geschmack“. Bourdieu stellt diese Abgrenzung in denselben Ordnungszusammenhang wie die anderen genannten Attribute und leitet daraus die gewagte These ab, daß es auch den Vertretern der klassischen bürgerlichen Intelligenzschicht letztlich vornehmlich darum ging, ihren Unterschied zu den niederen Klassen zu markieren und in sehr sublimierter Form ihren Herrschaftsanspruch über diese zu legitimieren.
Bourdieu meint die Wahrheit über den Geschmack aufgedeckt zu haben; eine Wahrheit, die er bei den klassischen Lehrern des Geschmacks verleugnet sieht. Der Untertitel seines Werkes, unverkennbar an Kant gerichtet, bezeichnet insofern das Korrektiv für den Königsberger, der seinerseits exemplarisch für alle Lehrer seiner Zunft steht.


Was meinen Sie, läßt sich ein solches Modell verwenden?

Wie beurteilen Sie die Position Bordieus?