Alle müssen über Demenz sprechen (Teil 1)

März 12th, 2013 · Keine Kommentare

Frau Rosentreter, Ihre intensive Beschäftigung mit Demenz, macht Ihnen die eher Angst oder gibt sie Ihnen Zuversicht, wenn Sie an eine mögliche eigene Erkrankung denken?

Also erst mal: Keine Krankheit ist schön. Und auch Demenz ist keine schöne Krankheit. Aber in dieser Krankheit gibt es Möglichkeiten, noch schöne Momente zu erleben. De mehr ich mich mit diesen Themen auseinandersetze, das heißt mit Demenz, mit Krankheit, mit Tod, umso mehr verlieren sie eigentlich auch ihren Schrecken. Und deshalb halte ich das für gut und wichtig, darüber zu sprechen -alle, die gesamte Gesellschaft von Dung bis Alt muss darüber sprechen. Und wenn ich mal dement werden sollte, dann hoffe ich, dass ich von Menschen betreut werde, die genau wissen, wie es geht. Und dafür setze ich mich heute schon ein, dass die Angehörigen wissen, wie es geht, dass selbst der Hausmeister weiß, wie man im Altenheim mit demenziell Veränderten umzugehen hat. Ich wünsche mir, dass ich später, wenn ich verwirrt beim Bäcker stehe und der Meinung bin, das Croissant, das da liegt, das gehört mir,
dass der Bäcker dann weiß, wie er mit mir umzugehen hat und nicht die Polizei ruft.

Haben Sie konkret für sich schon Vorkehrungen getroffen ?

Tatsächlich fange ich langsam an, Vorkehrungen zu treffen. Ich spreche mit meiner Familie darüber, mit meinem Freund, mit meinen Freunden, wie ich später leben möchte, wie ich später sterben möchte. Ich fange an aufzuschreiben, was mir heute wichtig ist, was mir in der Kindheit wichtig war, was mir in den Dahren zwischen 15 und 25 wichtig war. Denn das ist die Zeit, an die ich mich später in der Krankheit erinnern werde. Das heißt, über welche Musik kann man mich erreichen? Das wird eher Rock ‘n’ Roll sein (lacht). Über welche Gedichte, über welche Märchen. Was mochte ich gerne an Köstlichkeiten? Damit die Menschen später wissen, wie sie mich erreichen können.

Wann sollte man idealerweise anfangen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen ?

So früh wie möglich. Ich finde es ganz wichtig, dass das eigentlich auch schon im Kindergarten stattfindet. Und das gibt es schon, das ist das Schöne, dass Kindergärten und Schulen mit Altenheimen Patenschaften eingehen und dass die Kinder so spielerisch lernen, wie man mit Krankheit und mit demenziell Veränderten umgeht. Ich glaube, wir Gesunden denken immer: Oh, wir müssen unsere Kinder schützen. Nein, müssen wir nicht! Es gibt die Großfamilie ja nicht mehr, deshalb müssen die Kinder dahin rücken und sehen, wie das ist, mit Alten umzugehen. Und das ist wertvoll, nicht nur für demenziell Veränderte, sondern auch für Kinder ist es ganz wertvoll, Großeltern zu haben oder ältere Menschen, die einem etwas beibringen, die einem zuhören, die einem Wertschätzung wieder entgegenbringen.

Ein Interview mit Sophie Rosentreter. Geboren 1975 in Hamburg … mit 16 Schulabbruch und Start ihrer Model-Karriere … mit 23 Abitur nachgeholt … mit 24 Moderatorin bei M … mit 26 Intermezzo als Film Schauspielerin … mit 29 Wechsel hinter die Kamera: Fernsehproduktionen unter anderem für stern TV, SAT.I-Frühstücksfernsehen, Brisant, Leute heute … mit 35, ausgelöst durch die Krankheit und den Tod ihrer Oma Ilse, Firmengründung von „Ilses weite Welt GmbH” Produziert heute erfolgreich Filme und andere Hilfsmittel für Angehörige und Betreuer von demenzkranken Menschen.

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