Alle müssen über Demenz Sprechen (Teil 2)

März 16th, 2013 · Keine Kommentare

Alte Menschen und speziell die mit Demenz in den Mittelpunkt zu rücken, wie kann das funktionieren, in einer Gesellschaft, in der sich alles immer schneller und nur um sich selbst dreht?

Zum Glück ist nichts so stetig wie der Wandel. Alles wird sich verändern. Und ich glaube auch, dass gerade in unserer Gesellschaft wirklich so eine Sehnsucht nach innerer Befriedigung da ist und laut wird. Immer mehr Menschen sagen, sie möchten gerne helfen, sie möchten gerne ehrenamtlich etwas tun, weil sie sich innerlich irgendwie leer fühlen. Es gibt eine Reihe Studien, die belegen, dass es sogar unser Leben verlängert, wenn wir helfen. Am Todesbett meiner Großmutter wurde mir eines ganz bewusst: Es kommt nicht darauf an, was man im Leben erreicht, sondern wen man erreicht. Das ist das einzig Wichtige. Das ist das, was Liebe und Erfüllung gibt, und es ist das, was bleibt. Für mich sind die schönsten Momente, mit demenziell Veränderten zusammenzuarbeiten oder – was ich jetzt durch die Arbeit mit Demenzkranken auch gelernt habe – auf der Straße offener, bewusster durchs Leben zu gehen und stehen zu bleiben. Wenn ich eine ältere Dame an der Ampel sehe, die leicht verwirrt scheint, dann bleibe ich stehen und suche höflich das Gespräch. Meistens sind das die schönsten zehn Minuten meines Tages, weil sie mir auf einmal einen Schwank aus ihrem Leben erzählt, wir ein Lächeln austauschen, was ganz, ganz tief und ehrlich ist. Und dann gehe ich glücklich nach Hause und weiß, ich habe etwas Gutes getan und die Frau hat mir sogar auch noch was Gutes getan (lacht). Das sind die magischen Momente, auf die es eigentlich ankommt. Da, glaube ich, lernen wir gerade wieder dazu.

Bei allem Verständnis, das man für Demenzkranke entwickeln kann: Sind sie nicht manchmal schwer zu ertragen ?

Natürlich. Wenn Alzheimer auf einmal Gast in der Familie ist, dann ist es für alle – für den Betroffenen als auch für die Angehörigen drumherum – wahnsinnig schwer. Ein geliebter Mensch verändert sich auf einmal, er tut Dinge, die man vorher niemals für möglich gehalten hat. Trotzdem gibt es immer zwei Seiten der Medaille -und es ist ganz wichtig, dass man die andere eben auch mal sieht: Es gibt schöne Momente, es gibt lustige Momente. Die Menschen trauen sich Dinge, die sie vorher nicht gemacht haben, weil sie zu stolz dafür waren zu singen oder zu stolz dafür waren zu tanzen. Dass auf einmal diese Barrieren aufbrechen und versteckte Talente hervorkommen, die sie seit Jahrzehnten nicht ausgelebt haben, und ein unglaublicher Humor, der für uns gesunde Menschen auch ganz schön bereichernd sein kann.

Gibt es denn ein Patentrezept für den Umgang mit Demenzkranken ?

Nein – und das ist auch gut so. Denn jeder Mensch ist unterschiedlich und somit auch unterschiedlich zu erreichen. Das macht uns Menschen aus. In der Pflege oder auch in der Beschäftigung muss man sich einfach zugestehen: Man darf Fehler machen. Wir sind nur Menschen. Aber wichtig ist – wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es auch wieder heraus -, dem Ganzen mit Freude gegenüberzutreten, sich zu informieren. Wissen ist ganz, ganz wichtig. Es ist wichtig zu wissen, dass diese Menschen nicht mehr im Hier und Detzt leben. Sie leben in ihrer Vergangenheit. Sie leben im Alter zwischen 15 und 25. Und nur dort können wir sie erreichen. Es sind Grundregeln, die wir uns aneignen können – wir Gesunde -, damit wir es leichter haben, diese Menschen zu erreichen. Ich halte es für ganz wichtig im Pflegealltag, noch so viel Freude wie nur möglich zu haben.

Ein Interview mit Sophie Rosentreter. Geboren 1975 in Hamburg … mit 16 Schulabbruch und Start ihrer Model-Karriere … mit 23 Abitur nachgeholt … mit 24 Moderatorin bei M … mit 26 Intermezzo als Film Schauspielerin … mit 29 Wechsel hinter die Kamera: Fernsehproduktionen unter anderem für stern TV, SAT.I-Frühstücksfernsehen, Brisant, Leute heute … mit 35, ausgelöst durch die Krankheit und den Tod ihrer Oma Ilse, Firmengründung von „Ilses weite Welt GmbH” Produziert heute erfolgreich Filme und andere Hilfsmittel für Angehörige und Betreuer von demenzkranken Menschen.

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