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Wenn man nicht mehr vierzig ist

Archiv für August, 2011

Montag
Aug 29,2011

Letztens habe ich R. kennen gelernt. Sie hat früher Fussball gespielt. Wir haben uns über Sporttreiben jenseits der Vierzig unterhalten:

“Mir hatte einmal jemand gesagt, ‘wenn Du beim Sport gesiezt wirst, dann bist du alt’.  Irgendwann war es schließlich so weit: Nach einer sehr langen Pause bin ich wieder zum Training gegangen. Unser Verein ist der erste gewesen, der eine Frauenmannschaft hatte. In der Umkleide sitzt eine junge Spielerin. Sie sieht mich an und fragt: ‘Haben SIE früher auch gespielt?”

Ich war empört. Dieses Vereinshaus ist damals für UNS gebaut worden! Das hier war MEIN Spind! Und jetzt werde ich hier wie ein Gast angesprochen. Der würde ich’s zeigen. Beim ersten Lauf über den Platz wollte ich unbedingt schneller als diese Göre sein, was mir auch gelang. Aber als ich mich umdrehe, merke ich: Sie ist gerade einmal warm geworden. Und ich bin bereits aus der Puste …”

Eine schöne Geschichte über die Konkurrenz mit der Jugend und über plötzliche Einsichten. R. konnte sie jedenfalls lachend erzählen.

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  • Sonntag
    Aug 21,2011

    Der Alte König ...
    “Wie geht es Dir, Papa?” “Also, ich muss sagen, es geht mir gut. Allerdings unter Anführungszeichen, denn ich bin nicht imstande, es zu beurteilen.” “Was denkst Du über das Vergehen der Zeit?” “Das Vergehen der Zeit? Ob sie schnell vergeht oder langsam, ist mir eigentlich egal. Ich bin in diesen Dingen nicht anspruchsvoll.”

    Arno Geiger (Jahrgang 1968) erzählt von seinem demenzkranken Vater. Es geht um bedrückende Erfahrungen. Selbstvorwürfe, weil die Krankheit zu spät erkannt und lange missdeutet wurde. Die Sorge, den Kranken allein im Heimatort zu wissen. Die schwere Entscheidung, den Vater in ein Pflegeheim einzuquartieren. Das Leben in dieser Einrichtung.

    Der Autor sucht einen Weg zum Vater, der immer häufiger nicht weiß, wo er sich befindet oder den Sohn nicht erkennt: “Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm.” Er beginnt, die teilweise verwirrten Äußerungen des alten Mannes ernst zu nehmen und macht dabei wunderbare Entdeckungen.

    “Als ich das erste Mal auf die Pflegestation gekommen war, hatte ich einen Augenblick lang Mitleid für alle Menschen empfunden, die gelebt hatten, lebten oder noch leben werden. Mit der Zeit gewöhnte ich mich jedoch an die eigenwillige Situation, und schließlich fand ich diese Lebensweise auch nicht seltsamer als andere Lebensweisen.”

    Geiger erzählt  Familien- und Lebensgeschichte. Er beschreibt, wie Zeitgeschichte seines Vaters Leben und das eigene mitgeformt hat. Ein passend melancholischer Ton ist mit Beschreibungen von Natur und Landschaftsveränderungen im ländlichen Vorarlberg eingewoben. Zum Ende hin resummiert Geiger in Frageform:

    “Sosehr die Menschen am Leben hängen: Wenn sie finden, dass ein Leben nicht mehr ausreichend Lebensqualität bietet, kann das Sterben plötzlich nicht schnell genug gehen. Dann wird das Thema Sterbehilfe aufgebracht von Angehörigen, die besser daran täten, über die eigene Unfähigkeit nachzudenken, mit der veränderten Situation umzugehen. Die Frage ist: Will man den Kranken von der Krankheit befreien oder sich selbst von der Hilflosigkeit?”

    Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Carl Hanser Verlag 2011, 17,90 EUR
    Amazon? Das Buch gibt es doch auch bei Ihrem Buchhändler!

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  • Konservativ mit vierzig

    Sonntag
    Aug 21,2011

    “Wer mit 20 nicht alles verändern will, der hat keinen Mumm. Und wer mit 40 von Veränderungen nicht genug hat, der hat keinen Standpunkt.”
    (Sehr frei nach Winston Churchill
    )

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  • Theater

    Freitag
    Aug 19,2011

    ... Haben Sie ihn erkannt? Das ist Joel Grey, der 1973 für seine Darstellung des Conferenciers in “Cabaret” mit einem Oscar ausgezeichnet wurde (wie auch Liza Minelli). Ich habe den Film damals sieben Mal gesehen. K. aus unserer Schüler-Theatergruppe hatte es auf 14 Vorstellungen gebracht. K. war Bankangestellter und liebte die Glitzer-Welt. In unserer Theatergruppe haben wir aber über Harold Pinter und S?awomir Mro?ek diskutiert.

    Im Internet hat ein Joel Grey-Fan ein Video mit Fotos aus den letzten 40 Jahren eingestellt. Es zeigt einen alternden Mann, der im Schatten seines großen Erfolgs kleiner und kleiner wird und dazu immerfort tapfer lächelt. Aber diese Geschichte ist zu traurigschön um wahr zu sein. Tatsächlich hat Grey seither an erfolgreichen Broadway-Produktionen mitgewirkt und jetzt als Regisseur eine Altersrolle gefunden, die ihn befriedigt. Auch als Fotograf macht er von sich reden.

    An unsere Theatergruppe ging damals eine Anfrage nach einem männlichen Darsteller. Eine Waldorf-Schule wollte Lessing aufführen. K. hatte keine Lust. Ich war dann in den zwei Aufführungen als Marinelli ziemlich gut.

    Harold Pinter hat 2005 den Literatur-Nobelpreis bekommen.
    Was wohl aus K. geworden ist?

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  • Frauen mit 60

    Mittwoch
    Aug 10,2011

    Silvia Bovenschen hat in ihrem Buch “Älter Werden” Rückblicke, Ein- und Umsichten notiert. Zum Thema “Schönheit” beispielsweise:

     Damals (in meinen “zwanziger Jahren”) hatte ich ein Aussehen, mit dem ich (das sage ich aus heutiger Perspektive, gewissermaßen so, als wäre ich meine eigene Mutter) durchaus zufrieden hätte sein können. War ich aber nicht. (Keine Zwanzigjährige ist mir ihrem Aussehen zufrieden.) “Kind, versündige dich nicht”, sagte meine unfromme Mutter, wenn ich mein Aussehen bemängelte.

    Aber die Blicke, die mich trafen, die Avancen (dieses Wort war schon zu “meiner Zeit” aufgegeben), die ich erhielt, signalisierten mir doch, daß ich mir über mein Aussehen keine übertriebenen Sorgen machen mußte. Auch in meinem Falle war das etwas “vergeblich”. Damals witterte ich in jedem Kompliment, das mein Äußeres betraf, eine Abwertung meines intellektuellen Vermögens. Ich zog keinen Honig aus dergleichen. Heute hingegen gebe ich mich noch der unaufrichtigsten, auf mein Erscheinungsbild gerichteten, Schmeichelei unkritisch hin.

    Die Autorin schreibt einsichtsvoll, nachdenklich, witzig. Und mutig. Denn das Thema ist heikel – für eine Frau zumal wie, die Reaktionen der Rezensenten zeigen.

    Silvia Bovenschen: Älter werden. Notizen. S. Fischer Verlag 2006, 17,90 EUR
    Amazon? Das Buch gibt es auch antiquarisch.

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  • Ich werde 89 Jahre leben!

    Dienstag
    Aug 9,2011

    Wer möchte schon wirklich wissen, wie lange er oder sie leben wird? Die Verlockung ist allerdings groß, wenn es auf einer Internetseite heißt: “Berechnen Sie Ihre Lebenserwartung”!

    Zum Test: www.lebenswerwartung.ch
    Das ließe schweizer Präzision erwarten, wenn nur das Kleingedruckte nicht wäre …

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