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Wenn man nicht mehr vierzig ist

Archiv für September, 2011

Frauenbewegung (70er)

Mittwoch
Sep 28,2011

Unsere WG in der Hamburger Stresemannstraße war keinesfalls ausgeflippt: eine Sozialarbeiterin, eine angehende Bauingenieurin, zwei Männer, die Soziologie studierten und nebenbei jobbten. Aber die Frauen brachten immer etwas aufregend Neues mit – Alice Schwarzers neue Zeitschrift EMMA, Gedichte von Helga Götze oder das erste West-Album von Nina Hagen. Darauf so wunderbare Lyrik wie

“Dein neon-rosaner Nagellack stach in meinen Kopf wie eine Hornisse
Deine Filzhaare waren gespickt mit Reis-Crispies”.

Wir hatten die Schallplatte stilbewusst in Zeitungspapier eingewickelt, die losen Zipfel mit einer Sicherheitsnadel fixiert und sie W. bei seiner Fete zum Geburtstag geschenkt. Der fasste sie mit spitzen Fingern an und wollte unserem Drängen, sie gleich aufzulegen, kaum nachkommen.

“Ihr werft Perlen vor die Säue”, raunte uns C. zu. Und wir verstanden: Es ging nicht um Musik oder Frauenemanzipation sondern darum, dass Nina Hagen aus der DDR abgehauen war. W. hätten wir mit den Puhdys eine Freude machen können. Richtig gute Stimmung wollte nun nicht mehr aufkommen. Wir haben uns bald abgeseilt, zuhause gefeiert und laut mitgesungen:

“Ich kenn’ einen Jungen
Der hat paar Augen, dass du träumst davon
Der sagt nichts, der sieht dich bloss an
Und langsam drehen sich deine Augen links ein
Und Du schielst schon”

 

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  • Unter der Dusche

    Freitag
    Sep 23,2011

    Nach dem Training Gespräche über das neue Trekking-Rad, einen dummen Unfall oder die Reparatur am Gartenzaun. Zwischendurch eine neckende Anfrage: “Was war denn heute auf der 200-Meter-Strecke mit Dir los?” Dahinter Anteilnahme, denn Männer reden achtsam über Schwächen. “Ich hab’ eine Zerrung in der linken Schulter.”

    Dann erzählen wir unsere Helden-Geschichten vom letzten Wettkampf und bereiten uns auf den nächsten vor. “Hast du die Meldeergebnisse gelesen?” Viele Konkurrenten sind seit Jahren dieselben. “Wenn der X. diesmal nicht antritt, habe ich Chancen auf den ersten Platz.”

    Wir haben die Resultate vom letzten Jahr gemeldet und wissen, dass wir diesmal wieder langsamer sein werden. Werden es zwei Sekunden sein oder zwölf?

    Der schwierigste Gegner beim Sport ist das Älter Werden. Wir versuchen, ihn realistisch einzuschätzen und erfahren Genugtuung, wenn wir ihm einmal davonschwimmen können.

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  • Donnerstag
    Sep 22,2011

    Neil Young 2010 in Nashville

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  • Rauchen

    Freitag
    Sep 16,2011

    Wer mit dem Zigarettenrauchen aufhört, kann sich für verschiedene Rollenmodelle entscheiden: Zufriedener Ex (“Ich fühle mich jetzt viel unabhängiger”), Leistungssportler (“Nächstes Jahr laufe ich beim Halbmarathon mit”), Gesundheitspolizist (“Ihre Zigarette werden Sie doch wohl auf der Terrasse rauchen?!”) uam.

    Bei ehemaligen Pfeiferauchern ist das anders. Sie haben ihre Petersons, Savinellys und Dunnhills sorgfältig in Seidenpapier eingewickelt und in schmucken Kartons verwahrt. Wenn ihnen ein jüngerer Aktiver begegnet, dann bekennen sie mit strahlenden Augen, “ich habe früher immer Orlik Golden Sliced, Three Nuns (oder was auch immer) gestopft!” Und sofern man sich gut leiden kann, fragen sie irgendwann tastend an, ob man vielleicht Interesse an den Schätzen habe, die sie mit Hingabe gesammelt, gepflegt und schließlich verwahrt haben?

    Mein Onkel C. hat hat vor drei Jahren seine Angelegenheiten geordnet und mir seine Dunnies überreicht. Ich habe das Erbe gerührt angenommen. Erinnerungen an die Stunden, die ich ihm als Junge beim Hantieren mit dem Rauchwerkzeug zugeschaut habe.

    Gestern schießlich haben wir ihm das letzte Geleit gegeben.
    Nachmittags auf der Terrasse war ich der einzige Pfeiferaucher.

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  • Sonntag
    Sep 11,2011

    Da zappelt sich einer ab, versucht, sich in das Unvermeidliche zu fügen – und wird immer wieder rückfällig. Er nimmt mit zweiundsiebzig an einem Formel-1-Rennen teil, provoziert als gealterter Kavalier eine Prügelei, lässt sich mit achtzig von seinem Spiegelbild kränken.

    Ein Feigling ist Joachim Fuchsberger gewiss nicht. Er ist aber auch kein Weiser geworden. Mit Sprüchen versucht er, sein Leben als alter Mann (Jg. 1927) in den Griff zu bekommen. “Früher war keineswegs alles besser, vieles war anders” ist so ein Versuch, der ihm misslingt, weil er in der anschließenden Tirade über die heutige Jugend, Politik, Kirchen, Gewerkschaften und das Fernsehprogramm unverständig eben doch nur die Wende zum Schlechten feststellen kann.

    Fuchsberger geniert sich nicht seiner Eitelkeit. Er pocht auf seine Verdienste in der Unterhaltungsindustrie und beklagt sich über Produzenten, die sein Markenzeichen als “männlicher Sympathieträger” nicht länger verkaufen wollen – aber auch nicht verkaufen können: denn er ist auf den Gehstock angewiesen und muss sich für anstrengende Dreharbeiten fitspritzen lassen.

    Offen schildert er seine Enttäuschungen, z.B. wenn er die Hilfsbereitschaft einer jungen Frau zunächst als Flirt missdeutet. Überaus berührend ist die Schilderungen seiner Herzoperation mit anschließenden Komplikationen.

    Kann man als “jüngerer” Leser etwas von Fuchsberger lernen? Man kann ihm jedenfalls dabei zusehen, wie schwer es auch am Ende eines erfüllten Lebens sein kann, den klugen Hinweisen der Ratgeberliteratur zu folgen: zu einem versöhnten Blick finden und loslassen können.

    ...
    Joachim Fuchsberger: Altwerden ist nichts für Feiglinge.
    Gütersloher Verlagshaus. 19,99 EUR
    Gibt es auch antiquarisch

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  • Auf der Party

    Mittwoch
    Sep 7,2011

    ...

    “… was ist denn aus den alten, langhaarigen, langweiligen Zotteltypen geworden, die früher immer auf den Partys herumstanden? Ach so. Ich bin das jetzt selber …”

    Harald Martenstein (Jahrgang 1953)

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