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Wenn man nicht mehr vierzig ist

Archiv für Februar, 2012

Mittwoch
Feb 22,2012

Jetzt bin ich in der Ausstellung über den Alltag der Deutschen Teilung im Tränenpalast am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße gewesen. Sehr sehenswert ist dort das Kabinett, in dem Wochenschau-Filmausschnitte über die Berlin-Krise und den Mauerbau gezeigt werden – Berichte aus dem Osten und aus dem Westen immer im Wechsel. Die Kommentarstimme des Westjournalisten ist empört, anklagend. Der Ost-Sprecher antwortet eine Stimmlage sonorer und ebenfalls im Stil der Zeit. Journalismus auf der Kinoleinwand war nicht Berichterstattung sondern Proklamation.

Ein besonderes Ausstellungsstück ist die Abfertigungsschleuse, in der wir seinerzeit von den DDR-Grenzern zum Zweck unserer Reise befragt und die Papiere kontrolliert wurden. Alles noch da: die Spreelacartverkleidung, der Schalter auf Kinnhöhe, ein schräg gestellter Spiegel in der Ecke hinter dem Reisenden für den Kontrollblick des Grenzers auf die Beinpartie. Aber warum stellen sich am historischen Ort die Erinnerungen nicht in brillierender Klarheit ein? Weil es hier jetzt zu warm ist. Die Abfertigungshalle war immer ein zugig-kühler Ort.

Außerdem fehlt der olfaktorische Reiz. Wie hieß doch gleich das desinfizierende Reinigungsmittel, dessen Geruch man als Westler immer in der Nase hatte, wenn man es mit den Organen der DDR-Staatsmacht zu tun hatte? Lisol?

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  • Sonntag
    Feb 19,2012

    ...Der Karneval kann vermutlich nur von Katholiken so richtig gefeiert werden. Aber das anschließende Fasten ist auch evangelischerseits sehr beliebt. Und was man nicht alles fasten kann: Computerspielen, Weintrinken, Autofahren, Videosgucken …

    Mir geht es nicht nur um die geistige Übung sondern auch um Schräglagen bei meiner Ernährung. Dabei will ich mich nicht überfordern und wäge ab. Sieben Wochen ohne Schokolade dafür aber Nüsse und Rosinen? Bis Ostern kein Kuchen dafür aber süße Joghurts?

    Und während ich mich auf eine Zeit des Verzichtens einstimme, frage ich mich, ob es die Katholischen nicht besser machen: erst einmal so richtig über die Stränge schlagen, bevor man zur Besinnung kommt. Vielleicht ist es leichter, wochenlang kein Marzipan zu essen, wenn ich mich vorher daran überfressen habe?

    Dann wären auch die Vorräte aufgebraucht, die mich in Versuchung führen könnten.

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  • Hamburg im Februar 1962

    Donnerstag
    Feb 16,2012

    Es regnete und der Orkan bog die Bäume vor unserem Kinderzimmerfenster. Meine Mutter war besorgt, als mein Vater sich nach den Morgennachrichten mit dem Moped auf dem Weg zur Arbeit im Freihafen machte. Schon am Vormittag kam er wieder nachhause. “Der Hafen ist dicht.”

    Onkel Paul und Tante Martha wohnten in Wilhelmsburg. Dort waren in der Nacht die Deiche gebrochen. In zahlreichen Gängen versuchte meine Großmutter, etwas über die Familie ihres Bruders in Erfahrung zu bringen. Eine bange Zeit, bis wir gewiss waren, dass sie sich in Sicherheit befanden. Als die Wasser abgelaufen waren, half mein Vater den Wilhelmsburgern bei den Aufräumarbeiten und der Renovierung der Erdgeschosswohnung.

    Ein wirtschaftliches Nachspiel der Katastrophe ergab sich aus dem Umstand, dass in der Stadt mit flutgeschädigter Ware gehandelt wurde. So wurden Kaffee und Strickwolle günstig angeboten. Die Hausfrauen tauschten sich über Verfahren zur Reinigung und Trocknung aus. Da die Strickmützen und Fausthandschuhe für die heranwachsenden Kinder immer wieder “aufgeräppelt” wurden, war bei uns zuhause noch nach Jahren “Flutwolle” im Gebrauch und gab immer wieder Anlass zur Erinnerung.

    Vierzehn Jahre später, bei der höchsten in Hamburg jemals gemessenen Sturmflut 1976, war ich selbst im Hamburger Hafen bei einem Schiffsausrüster beschäftigt. Was an Handelswaren noch gerettet werden konnte, haben wir für den Verkauf hergerichtet: Zwei Tage lang haben wir Mettwürste und Räucherschinken geschrubbt, die im überfluteten Kühlkeller in die Elbwasser geraten waren …

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  • Scheitern lernen!

    Dienstag
    Feb 14,2012

    Bei der Vorbereitung einer Lehrveranstaltung fällt mir im Inhaltsverzeichnis einer Fachzeitschrift diese Überschrift auf: “Die Kunst des Scheiterns”. Das klingt genial. Meine Neugier wird belohnt: Wer nicht gescheitert ist, hat es gar nicht erst versucht. Und wer es erfolglos versucht, kann wertvolle Erfahrungen machen, sagt sinngemäß der Unternehmensberater Martin Gössler.

    Steve Jobs habe gerade solche Mitarbeiter mit wichtigen Zukunftsprojekten beauftragt, die im großen Stil gescheitert seien (vorausgesetzt, dass er von der Lernfähigkeit der Erfolglosen überzeugt war). Biographisches Scheitern sei ohnehin zum Normalfall geworden. Erfolg stelle sich immer häufiger über den Umweg des Misslingens ein. Produktives Scheitern sei somit heute eine “Schlüsselkompetenz”.

    Übrigens hat Konstantin Wecker seine Biografie unter dem Titel “Die Kunst des Scheiterns” veröffentlicht. Und Samuel Becket sagte: “Gescheitert? Macht nichts. Versuch’s nochmal. Und scheitere besser.”

    Keine Frage: Da ist was dran.

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  • B.s Unterhosen

    • Abgelegt in: Mode
    Donnerstag
    Feb 9,2012

    Ist Plakatwerbung in den letzten Jahren eigentlich aufdringlicher geworden?Vielleicht bin ich auch empfindsamer geworden, seit ich in einer kleinen Stadt wohne, wo einen nicht allerorten Werbebotschaften anschreien.

    Nach meinem Besuch in Hamburg heute versuche ich mir vorzustellen, wie es so jemandem ergehen mag, der überlebensgroß auf den Wänden der U-Bahnstationen tapeziert wird. Wenn ich z.B. ein bekannter Sportler wäre, der beruflich seinen Körper auch für Werbebotschaften zur Verfügung stellte? Ich unterschriebe wieder einmal einen Vertrag, erschiene im Studio zu Fotoaufnahmen, die ich mir anschließend auf den Screen anschauen könnte. Und eines Tages schaute ich mit strengem Blick überlebensgroß in das Passantengewimmel. Mittendrin eine Zeit-Redakteurin, die anderentags schreibt, ich sehe aus wie “ein Mann am Rubikon, ein Mann am Übergang, der das Sixpack bald nicht mehr am Bauch, sondern in der Hand tragen wird.” Und dabei wäre ich erst siebenunddreißig.

    Wirklich, ich möchte nicht in den Unterhosen von David Beckham stecken.

     

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  • Donnerstag
    Feb 2,2012

    Zugegeben, Mick Jaggers Selbstauskünfte zu unserem Thema sind nicht besonders tiefgründig, aber der Mann ist ja auch kein Philosoph. Interessant aber allemal, wie in Interviews hinter dem Berufs-Provokateur mit zunehmendem Alter wieder der wohlerzogene Junge aus besserem Hause hervortritt.

    “Früher hielt ich es für eine Zeitverschwendung, wenn ich etwas anderes außer Musik mache. Ganz genauso dachte ich vom Sex. Aber wenn du älter wirst, begreifst du, dass alles seinen Platz im Leben hat. Ein Dinner mit Freunden gibt mir auch Befriedigung. Ich brauche nicht jeden Abend auf der Bühne zu stehen. Und am Tisch hat der Performer Mick Jagger nichts verloren ( mehr …)”

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