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Wenn man nicht mehr vierzig ist

Archiv für die Kategorie ‘Berlin-Geschichte

Montag
Dez 10,2012

1981 in Berlin angekommen, war mir schnell klar: Auch bei einer Taufe mit Alster-Wasser braucht es keine fünf Jahre zum Vollberliner. Um meinen Integrationsprozess zu beschleunigen, machte ich mich auf zur Polizeikaserne in Lankwitz. Beim Einbürgerungs-Prozedere bin ich dann allerdings erstmal durchgefallen.

Im Meldeformular wurde nämlich die Frage nach meiner Staatsbürgerschaft gestellt. Das konnte ich nicht ohne Nachdenken beantworten. Denn da gab es den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik für Deutschland, die Parole der DDR-Regierung von der Sozialistischen Nation, das Insistieren der West-Mächte auf der gemeinsamen Alliierten-Verantwortung für ganz Berlin, die Proklamation des Ost-Sektors zur Hauptstadt der DDR (damals westlicherseits noch in Anführungszeichen), vom Abgeordnetenhaus gewählte West-Berliner Bundestagsabgeordnete mit eingeschränktem Stimmrecht …

Im Ergebnis dieser ganzen Verwicklungen sollte mir als künftigem West-Berliner ein Dokument ausgefertigt werden, das “Vorläufiger Personalausweis” hieß.

Was bedeutete das denn nun meine Staatsbürgerschaft? Da fiel mir die diplomatische Formel ein, mit der Willy Brandt die Aufnahme von DDR und BRD in die UNO akzeptieren konnte: “Zwei Staaten und eine Nation”. Meine Staatsbürgerschaft musste folglich “bundesdeutsch” sein. Und so schrieb ich es auch in das Formular.

Darüber konnte der Polizist in Lankwitz aber gar nicht lachen. “Was soll das denn heißen?!” schnaubte er mich an. Über ein verdutztes “ja, aber …” kam ich nicht hinaus und ließ mich belehren, dass ich “deutsch” sei.

Auch der gebürtige Hamburger Hans Apel ist seinerzeit  in der Meldebehörde ins Stolpern gekommen. Nachdem er 1985 von der Berliner SPD als Spitzenkandidat für die  Abgeordnetenhaus-Wahlen aufgestellt worden war, präsentierte er stolz einen “Vorübergehenden Personalausweis”. Infolge der Wahlniederlage ist es für Ihn auch dabei geblieben.

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  • Mittwoch
    Mai 9,2012

    Bei meiner Ankunft in Berlin (in Klammern West) galt der Fernsehturm meinen Mitinsassen (so könnte Wolfgang Neuss gesagt haben) seit 12 Jahren als Pfahl im Weichbild ihrer Halbstadt. Besonders in Kreuzberg und Wedding drängte sich “St. Walter” optisch auf. Der Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrats der Deutschen Demokratischen usw. (im RIAS kurz: Staatsratsvorsitzender) hatte den  Bau in demonstrativer Absicht in Auftrag geben. Wenn Ulbricht berlinert hätte: “Unsara is aba länga!”

    Als der Turm dann nach 1989 uns allen gehörte, war ich enttäuscht. In der Draufsicht aus 203,78 Metern Höhe machte unsere Stadt nicht viel her – zu wenig Silhouette oder mit Hilde Knef: “Berlin, Du bist viel zu flach geraten.” Heutzutage, weil alles verkabelt ist, hat das Bauwerk seinen originären Verwendungszweck verloren …

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  • Mittwoch
    Feb 22,2012

    Jetzt bin ich in der Ausstellung über den Alltag der Deutschen Teilung im Tränenpalast am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße gewesen. Sehr sehenswert ist dort das Kabinett, in dem Wochenschau-Filmausschnitte über die Berlin-Krise und den Mauerbau gezeigt werden – Berichte aus dem Osten und aus dem Westen immer im Wechsel. Die Kommentarstimme des Westjournalisten ist empört, anklagend. Der Ost-Sprecher antwortet eine Stimmlage sonorer und ebenfalls im Stil der Zeit. Journalismus auf der Kinoleinwand war nicht Berichterstattung sondern Proklamation.

    Ein besonderes Ausstellungsstück ist die Abfertigungsschleuse, in der wir seinerzeit von den DDR-Grenzern zum Zweck unserer Reise befragt und die Papiere kontrolliert wurden. Alles noch da: die Spreelacartverkleidung, der Schalter auf Kinnhöhe, ein schräg gestellter Spiegel in der Ecke hinter dem Reisenden für den Kontrollblick des Grenzers auf die Beinpartie. Aber warum stellen sich am historischen Ort die Erinnerungen nicht in brillierender Klarheit ein? Weil es hier jetzt zu warm ist. Die Abfertigungshalle war immer ein zugig-kühler Ort.

    Außerdem fehlt der olfaktorische Reiz. Wie hieß doch gleich das desinfizierende Reinigungsmittel, dessen Geruch man als Westler immer in der Nase hatte, wenn man es mit den Organen der DDR-Staatsmacht zu tun hatte? Lisol?

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  • 9. November

    Mittwoch
    Nov 9,2011

    Kalt war’s, als 1988 das Mahnmal Levetzowstraße in Berlin-Moabit eingeweiht werden sollte. Der Wind zerrte an dem kleinen Zelt, in dem Harry Foss seine Orgel aufgebaut hatte. Unter den Teilnehmenden der Bezirksbürgermeister sowie Stadträte, der Vorstand der jüdischen Gemeinde, die Publizistin Lea Rosh und Schüler des nebenan gelegenen Gymnasiums. Alle waren bereits frierend versammelt, als schließlich der Wagen mit dem Oberkantor vorfuhr. Estrongo Nachama war von “mächtiger Gestalt” (es gibt keinen besseren Ausdruck), würdevoll, lässig wie auch bestimmt im Auftritt. Natürlich zeigte sich sein Alter. Händeschütteln, Verbeugungen.

    Es soll losgehen. Foss stimmt sein Instrument an. Da eine unwirsche Geste, wie sie jeden gemeinsamen Auftritt von Nachama und Foss einleitete, den ich miterlebt habe: der Sänger weist den Organisten zurecht. Zu laut, zu langsam – irgendwas ist immer nicht recht.

    Dann singt Nachama das Kaddisch.
    Eine große Stimme, die jedermann in Berlin seit 40 Jahren kennt.
    Männer kämpfen mit ihren Tränen.

    Natürlich wurden auch Reden gehalten. Aber an diese kann ich mich nicht erinnern.

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