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Wenn man nicht mehr vierzig ist

since 1976

  • Abgelegt in: Mode
Mittwoch
23. Mai 2012

Ein Etikett in meiner Wetterjacke nennt stolz das Gründungsjahr des Labels: 1976. Macht das wirklich Eindruck? Und auf wen?

Die Vorfahren meiner Socken-Fabrikanten haben gegen König Charles I.  gekämpft und tragen seit 1727 den Black Watch Tartan. Mein Rasierwasser wird seit etwa 1920 in Wien hergestellt und war somit bei meiner Geburt schon 36 Jahre erhältlich – genauso lange, wie meine Jacke heute. Somit wird die modebewusste Jugend heute andere Vorstellungen davon haben, wie weit eine Fabrikanten-Tradition zurückreichen muss, um als ehrwürdig zu gelten.

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  • Dulsberg

    Donnerstag
    17. Mai 2012

    Die längste Zeit lebe ich nun nicht mehr in meiner Vaterstadt. Wenn ich jemanden von dort kennen lerne und mich als gebürtiger Landsmann vorstelle, dann will man es meist genauer wissen: “Und woher aus Hamburg?” “Aufgewachsen bin ich auf dem Dulsberg.” Die Reaktionen auf meine Antwort erlauben mir Rückschlüsse, mit wem ich es wohl zu tun bekommen habe.

    ...“Im Kulturhof im Alten Teichweg finden regelmäßig Poetry Slams statt!” Mein neuer Bekannter ist also kulturell auf der Höhe der Zeit, kann ich vermuten. Und in der Tat entwickelt sich bald ein entspanntes Gespräch.

    “Dulsberg, dann kennen Sie gewiss die Laubengang-Häuser von Paul Frank?” Auch zu diesem architekturinteressierten Kulturmenschen gestaltet sich ein angenehmer Kontakt.

    “Dulsberg. Jaa, ähm, ein schwieriger Stadtteil …” Der Subtext zu dieser befangenen Verlegenheitsäußerung lautet etwa: “Dann haben Sie gewiss eine schwere Jugend gehabt. Wie sind Sie da bloß heil herausgekommen?” Das gibt mir Anlass, meinerseits über den neuen Bekannten zu spekulieren: Ist er je aus Harvestehude herausgekommen – oder aus Bergedorf?

    Und in mir erwacht ein missionarischer Eifer, ihm die frohe Botschaft zu verkünden: Auch in einer wenig privilegierten Nachbarschaft leben fröhliche Menschen, die ihr Leben zu meistern verstehen.

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  • Schön ist die Jugendzeit

    Sonntag
    13. Mai 2012

    Im Feinen Weinlokal. Der angetrunkene Vater bringt die Bestellungen durcheinander. Der Sohn lacht.

    … nach dieser Einleitung wollte ich eine Szene aus Karl Valentins Bühnenstück “Der Firmling” zitieren. Damit geht es hier im Blog aber erst am 10. Februar 2018 weiter, einen Tag nach dem 70. Todestag des großen Humoristen. Vielen Dank an Chris Kurbjuhn für die Warnung vor den Abmahnungs-Händlern im Auftrag von Frau Anneliese Kühn, der Erbin des derzeit noch urheberrechtlich geschützten Werks.

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  • Mittwoch
    9. Mai 2012

    Bei meiner Ankunft in Berlin (in Klammern West) galt der Fernsehturm meinen Mitinsassen (so könnte Wolfgang Neuss gesagt haben) seit 12 Jahren als Pfahl im Weichbild ihrer Halbstadt. Besonders in Kreuzberg und Wedding drängte sich “St. Walter” optisch auf. Der Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzende des Staatsrats der Deutschen Demokratischen usw. (im RIAS kurz: Staatsratsvorsitzender) hatte den  Bau in demonstrativer Absicht in Auftrag geben. Wenn Ulbricht berlinert hätte: “Unsara is aba länga!”

    Als der Turm dann nach 1989 uns allen gehörte, war ich enttäuscht. In der Draufsicht aus 203,78 Metern Höhe machte unsere Stadt nicht viel her – zu wenig Silhouette oder mit Hilde Knef: “Berlin, Du bist viel zu flach geraten.” Heutzutage, weil alles verkabelt ist, hat das Bauwerk seinen originären Verwendungszweck verloren …

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  • Exakt wie ein Logarithmus

    Montag
    7. Mai 2012

    “.. von keinem anderen Autor dieses Jahrhunderts ging eine derart starke Aufforderung zur Interpretation, zur Exegese, zur Analyse aus. K.s rätselhafte und verästelte Dichtungen faszinierten bis hin zum Zwang, sie auszulegen, ihnen nachzuspüren, sie nachzuahmen. Keiner Interpretation – weder der philosophischen, theologischen (jüdischen und christlichen), psychoanalytischen, gesellschaftspolitischen oder rein artistischen, noch deren Mischformen oder Spielarten – schien er sich zu widersetzen. ‘Ätherisch wie ein Traum und exakt wie ein Logarithmus’, urteilte Hermann Hesse schon 1925 und nannte K. einen ‘heimlichen Meister und König der deutschen Sprache’.”

    Warum ich hier aus Metzlers Autorenlexikon zitiere? Nun, ich habe gerade mit Texten aus diesem Blog den literarischen Stiltest auf der FAZ-Internetseite gemacht.

    Ergebnis: Ich schreibe wie Franz Kafka.

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  • Ungezwungenes Jägerschnitzel

    Donnerstag
    3. Mai 2012

    Am besten schmecken uns diejenigen Speisen, die Mutter (und Vater!) früher für uns gekocht haben. Im Hinblick auf diese verbreitete Feststellung bin ich schon sehr gespannt auf die Zukunft: Wird sich meine Tochter dann heute noch verschmähte Gerichte wie Mandel-Brokkoli, Pilzragout oder Königsberger Klopse zubereiten?

    Wie bin ich jetzt darauf gekommen? Ach so, ja:

    Ein führendes Unternehmen der deutschen Topfindustrie, die Firma Fissler nämlich, setzt derzeit auf die Geschmacksprägung ihrer Kundschaft mit dem Slogan “Wir Kinder der 70er”. So eine Werbekampagne ist nach allem, was ich darüber weiß, gut vorbereitet. Man wird Umfragen in Auftrag gegeben haben, um die Küchenerlebnisse und Geschmackserinnerungen der Zielgruppe zu erforschen. Und diese Schilderung ist nun das Ergebnis: “Buntgemusterte Kacheln in sattem Orange zieren die kleine Freifläche über dem Herd. In der schweren gusseisernen Pfanne brutzelt ungezwungen ein Jägerschnitzel. Draußen im Esszimmer der legendäre Käseigel …”

    Ja, die ungezwungenen Siebziger! Dem Schnitzel ist freilich nichts anderes übrig geblieben, denn es ist ja flach geklopft worden. Und was die Legende vom Käse-Igel betrifft – war das nicht ein Partyschmaus der Sechziger?!

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