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Wenn man nicht mehr vierzig ist

Dulsberg

Donnerstag
Mai 17,2012

Die längste Zeit lebe ich nun nicht mehr in meiner Vaterstadt. Wenn ich jemanden von dort kennen lerne und mich als gebürtiger Landsmann vorstelle, dann will man es meist genauer wissen: “Und woher aus Hamburg?” “Aufgewachsen bin ich auf dem Dulsberg.” Die Reaktionen auf meine Antwort erlauben mir Rückschlüsse, mit wem ich es wohl zu tun bekommen habe.

...“Im Kulturhof im Alten Teichweg finden regelmäßig Poetry Slams statt!” Mein neuer Bekannter ist also kulturell auf der Höhe der Zeit, kann ich vermuten. Und in der Tat entwickelt sich bald ein entspanntes Gespräch.

“Dulsberg, dann kennen Sie gewiss die Laubengang-Häuser von Paul Frank?” Auch zu diesem architekturinteressierten Kulturmenschen gestaltet sich ein angenehmer Kontakt.

“Dulsberg. Jaa, ähm, ein schwieriger Stadtteil …” Der Subtext zu dieser befangenen Verlegenheitsäußerung lautet etwa: “Dann haben Sie gewiss eine schwere Jugend gehabt. Wie sind Sie da bloß heil herausgekommen?” Das gibt mir Anlass, meinerseits über den neuen Bekannten zu spekulieren: Ist er je aus Harvestehude herausgekommen – oder aus Bergedorf?

Und in mir erwacht ein missionarischer Eifer, ihm die frohe Botschaft zu verkünden: Auch in einer wenig privilegierten Nachbarschaft leben fröhliche Menschen, die ihr Leben zu meistern verstehen.

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  • Zeitreise

    Montag
    Apr 2,2012

    Immer wieder ging ich in den letzten Jahren bei meinen Hamburg-Besuchen an Wochenenden an der S-Apotheke vorbei. Durch die Fenster sah ich, dass die mir vertraute Einrichtung seit vierzig Jahren unverändert geblieben ist: an der rückwärtigen Wand der vergrößerte Stich von einer alten Stadtansicht, flankiert durch raumhohe Schubregale aus dunklem Holz, die seinerzeit erstmals in Verkaufsräume eingebaut wurden. Auf dem Türschild steht immer noch der Name des mir bekannten Inhabers. Kann das denn sein?

    Letztens passierte ich das Geschäft während der Öffnungszeiten und trat ein. Auch die Sitzecke im Wartebereich ist unverändert, verchromtes Stahlrohr mit Lederpolstern und Glastischfläche. Jetzt gerät mir auch die Wanduhr in den Blick, auf die ich unzählige Male während des Wartens auf meine Einsätze geschaut habe. Denn als Schüler bin ich hier für zwei Jahre der Apothekenbote gewesen. Mit meinem Fahrrad hatte ich Bestellungen ausgeliefert, hatte mit Medikamenten und Heilwasserflaschen Villen und Altenheime angesteuert. Die zumeist älteren Kundinnen zeigten sich durch Trinkgelder erkenntlich. Meine olfaktorische Erinnerung: „Uringeruch“.

    Hinter dem Thresen steht ein Greis mit lichtem, grauen Haar. Ich erkenne ihn nur deshalb, weil auch seines Vaters Gesicht durch solche buschigen Augenbrauen geprägt war. Ich bringe mich in Erinnerung, und wir führen ein kurzes Gespräch. Er erzählt mit Genugtuung, wie er in den letzten Jahrzehnten seiner Bestimmung gemäß Familienleben und Geschäft geführt habe. Sein Sohn sei ebenfalls Apotheker geworden und habe, wie er selbst, wiederum eine Apothekerin geheiratet. Wie seinerzeit der eigene Vater unterstütze er heute die Kinder als Großvater, indem er regelmäßig im Geschäft arbeite.

    Nach dem Verlassen der Zeitkapsel fällt mir ein, dass ich mich auf meinen alten Warteplatz hätte setzen sollen. Aus den Polstern wäre puffend die Luft entwichen, ich hätte auf die Uhr schauen und Erinnerungen nachspüren können.

     

     

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  • Lebens-Beichten

    Mittwoch
    Mrz 14,2012

    Das letzte Wochenende habe ich mit einer Gruppe von Diakoninnen und Diakonen verbracht. Bei den Gesprächen am Abend ging es auch um Ost und West und um Erlebnisse während der Zeit um die 89er Wende.

    Eine aus unserer Runde erzählte von ihren damals regelmäßigen Zugfahrten zwischen Berlin und Magdeburg. In jenen Tagen kamen sich fremde Menschen umstandslos näher, fagten sich nach dem woher und wohin. “Und was machen Sie beruflich?” Auf ihre Antwort reagierten viele Mitreisende mit einer spontanen Lebensbilanz: Worauf hatte ich mich eingelassen, was erschien mir unausweichlich, wie stehe ich heute dazu? Es waren hauptsächlich Menschen, die sich in der DDR “systemnahe” bewegt hatten, denen das Herz aufging.

    Als ein Pfarrer sich zu uns gesellte, erzählte dieser, dass NVA-Offiziere ihn nachts heimlich in seiner Wohnung aufgesucht hatten, um von ihren Gewissensqualen zu reden.

    Was braucht es eigentlich, damit wir uns unseren Lebensfragen stellen können – Verunsicherung, Abbrüche, Scheitern? Jedenfalls war es eine gute Zeit, damals, als wir nicht um jeden Preis Recht behalten mussten und einander zuhören konnten.

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  • Wenn’s brennt …

    Sonntag
    Jan 22,2012

    Was würde ich einpacken, wenn’s im Haus brennt?
    Der Fotograf Foster Harrington sammelt Antworten auf diese Frage.

    Die meisten Teilnehmer der Umfrage sind in ihren Zwanzigern. Sie entscheiden sich kaum anders als die wenigen Älteren. Wichtigste Erinnerungsstücke sind Fotografien und das Lieblingsbuch; weil das Leben weiter gehen wird, werden das beste Paar Schuhe und die alte Kamera gegriffen. Wichtiger als Reisepass oder Bargeld sind das MacBook oder iPhone.

    Die kürzeste Antwort gibt, wer den größten Schatz hat: “Ich würde mir meine Tochter schnappen. Und vielleicht mein Telefon.” (Claire aus Louisiana).

    ...

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  • Dienstag
    Jan 17,2012

    Austin Lynch reiste im letzten Jahr mit seinem Filmteam durch Deutschland und befragte Menschen nach ihrem Woher und Wohin. Er traf seine Interviewpartner an Flussufern, in Parks, auf der Straße – Müssiggänger.

    ...In ihren spontanen Lebenserzählungen vor der aufgebauten Kamera neigen Sie nicht zu Dramatisierungen, aber jede/r weiß von einer Wende in seinem oder ihrem Leben zu berichten.

    Ich habe mich durch viele dieser Portraits anrühren lassen, wie z.B. dem von Falilj aus Warstein.

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  • Klassentreffen zu zweit

    Dienstag
    Dez 13,2011

    Als ich letztens beim Abendessen von meiner Schulzeit erzählte, habe ich mich an P. erinnert. Ein Blick ins Internet: das müsste er sein! Gewissheit dann mit seiner Antwort-Mail.

    Beim virtuellen Wiedersehen nach reichlich fünfunddreißig Jahren tauschen wir unsere Biografien aus. Wohin hat es uns gezogen, wohin verschlagen? Was ist uns gelungen, was missglückt? Wahrscheinlich geht es P. genauso wie mir: Meinem geistigen Auge gebenüber sitzt immer noch ein junger Mann – der aber erzählt nun ein gelebtes Leben. Wenn ich seine Zeilen lese, dann höre ich die bekannte Stimme reden. Ganz der Alte?

    Seinerzeit hatten wir beide gewiss eine Vorstellung davon, wie der andere wohl seinen Weg machen werde. Überrascht es uns, was wir heute einander mitzuteilen haben?

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