Klischees, Schablonen, Vorurteile

Kampf um Mali: Was suchen Frankreich, Deutschland und die EU in Westafrika?

Januar 20th, 2013 by berlin_peripherie

Der Konflikt in Mali und in der Sahelregion wird in vielen der hiesigen Medien irrigerweise als eine Folge des Putsches im Vorjahr dargestellt. Frankreichs Intervention, so wird glauben gemacht, sei nichts als selbstlose Hilfe für einen vom internationalen Terrorismus bedrohten Staat. Deshalb hier der Versuch einer Annäherung, beginnend mit meinem am Samstag, 19.01.2013, in der Berliner Zeitung veröffentlichen Leserinnenbrief:

“Ihre Chronologie zu dem westafrikanischen Land setzt einige Monate zu spät an. Die Probleme begannen nicht erst im März letzten Jahres mit dem Putsch in Malis Hauptstadt Bamako. Tatsächlich ist die Entwicklung eine direkte Folge des NATO-Luftkrieges 2011 in Libyen. Damit erfolgte die Zerstörung des fragilen Gleichgewichts in den Sahelregion. Im Falle Libyens ging es um die Kontrolle der Ölquellen. Die aktuelle Intervention legitimiert die alte Kolonialmacht Frankreich nun damit, dem westafrikanischen Mali im Anti-Terrorkampf zur Seite zu stehen. Dazu muss man wissen, dass die Uranminen in der Sahelregion für Frankreich als Atommacht unentbehrlich sind. Wirtschaft und Politik auch Deutschlands und der EU interessieren sich vor allem wegen dessen stragetischer Rohstoffe für Mali. Und ebenso weil es ein Schlüsselland ist für die Abwehr von Armutsflüchtlingen aus Westafrika.”

Zur Rolle von Al Quaida im Maghreb wurde dieser Tage Christina Hellmich, die an der Universität Reading ´Internationale Beziehungen und Nahost Studien´ lehrt, bei Radio Bremen befragt. Dabei ging es auch um die Frage, ob diese Gruppe tatsächlich die westliche Welt bedrohe. Resumee ihrer Einschätzung: Al Quaida im Maghreb agiert lokal. Die dortige Al-Quaida habe sich bisher darauf beschränkt, die Regierung in Algerien auszuhebeln. Mali könne aber durchaus ein ‘Afghanistan für Frankreich’ werden.
Beim Nachrichtensender Al Jazeera weist Hellmich zurück, dass die Entführung in der algerischen Erdgasanlage eine neue Qualität aufweise. Ebensowenig sei die Reaktion der algerischen Regierung darauf unerwartet ausgefallen. Die französischen Medien würden den Regionalkonflikt aufbauschen, denn die Regierung habe eigene Interessen, weshalb sie in Mali einmarschiert sei.

Bereits im November letzten Jahres schrieb der US-amerikanische Soziologe und Weltsystem-Theoretiker Immanuel Wallerstein einen seiner weitsichtigen Kommentare unter dem Titel: “Mali: The Next Afghanistan?”. Dort geht er darauf ein, welche politischen Turbulenzen das Land seit der Unabhängigkeit 1960 und bis zum Putsch im März 2012 durchlebt hat und erklärt auch, was die Tuareg im nordwestlichen Afrika wollen. Nämlich einen eigenen Staat ´Azawad´, was wiederum etliche von Malis Nachbarn nicht gut finden. Das alles hat aber nichts mit den Konflikten mit ´salafistischen´ Gruppen zu tun, die in einigen Regionen der Nachbarländer ihre MitbürgerInnen attackieren und terrorisieren. Westafrikas Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS, der Deutschland nun auf Geheiss von Aussenminister Westerwelle mit militärischem Material beisteht, ist schwach und zutiefst zerstritten über der Frage, wie diesen Gruppierungen beizukommen sei.
O-Ton Wallerstein: “Jeder will, dass die ´Salafisten´-Gruppen irgendwie weggehen, vorausgesetzt, dass jemand anderes die Drecksarbeit macht. Und größere Teile der Bevölkerung in all diesen Ländern sind gegen etwaige Maßnahmen überhaupt, mit der Begründung, dass es die Situation ´afghanisiere´. Das heißt, sie fürchten, dass militärische Aktionen gegen die ´Salafisten´ diese stärken und nicht etwa schwächen würden. Mit der Folge eines Zustroms von al-Qaida-orientierten Individuen und Gruppen im Norden Malis. Afghanistan wurde zum Symbol dessen, was nicht zu tun ist. Aber Nichtstun wird andererseits als geopolitische Paralyse bezeichnet. – Unterm Strich leidet Mali unter der chaotischen geopolitischen Szenerie.”

Posted in Allgemein | No Comments »

Leave a Comment

Please note: Comment moderation is enabled and may delay your comment. There is no need to resubmit your comment.