Streiks haben auch etwas Gutes: sie führen dazu, dass man seinen Horizont erweitern kann. Ohne die Franzosen hätte ich nie das Iberostar Royal Christina-Hotel kennen gelernt. Ein Hotel in der zweiten Reihe am Platja de Palma. Ein Appartment-Hotel, um genau zu sein. Dies bedeutet, dass man neben einem Brett mit Kunstwolldecke und einem ausreichenden Bad auch eine Kochnische hat. Im Hotel spielen jede Nacht um 20:30 Uhr ‘Fuego Espanol’. Morgens gibt es Gymnastik für die älteren Semester. Um 16 Uhr Bingo und dazwischen weitere geführte Aktivitäten. Alles sehr lobenswert und ein Konzept der Zukunft, denn wir werden alle älter, es wird Unmassen von uns geben – der Bericht des statistischen Bundesamts, über den ich einen kurze Meldung las, während wir drei Stunden im Air Berlin-Airbus saßen und darauf hofften doch noch weg zu kommen, verwies darauf, dass es 2060 nur noch um die 65 bis 70 Mio. Deutsche gibt, von denen mehr als Eindrittel über 65 sind und nur noch etwas mehr als die Hälfte arbeiten – also die Anderen mitversorgen. Der Rest profitiert von den Arbeitenden, müssen sich aber beschäftigen. Da habe ich doch Dank der Franzosen nach einem guten Altersruheplatz scouten können – man muss schließlich das Positive im Negativen erkennen. Das Essen im Iberostar ist auch ganz erträglich und im sonnendurchfluteten Frühstücksraum gibt es sogar eine Jura-Espresso-Maschine. Deren Bedienung – Tasse drunter, auf den silbernen Knopf drücken – überforderte aber zu Viele, so dass sie mit weiterem Gedrücke und Geschraube die Maschine in den Streik schickten. Wer nicht streikt, ist heute offenbar total out. (Mein Internetzugang in Berlin trat übrigens einen Tag vor Abreise nach Malle in den Streik und hatte in der Zwischenzeit auch nicht davon abgelassen - da musste ihm erst ein freundlicher Telekom-Mitarbeiter Bescheid stoßen).
Die Griechen streiken, weil wir – also die Anderen in der Europäischen GEMEINSCHAFT – sagen: genug Knete verballert und Staatsbilanzen gefälscht, das bezahlt ihr mal hübsch selbst (so wollen wir es bei der Bankenkrise ja auch!). Und die französischen Fluglotsen streiken, weil sie 6552 Euro im Monat für 100 Tage Arbeit im Jahr bekommen, so steht es in der seriösen FAZ. Diese Pfründe sind durch die angestrebte Neuordnung des europäischen Luftraums, der uns Ferien- und Businessflieger richtig viel Geld und Zeit kostet und auch aus Sicherheitsgründen dringend geboten ist, aber in Gefahr. Dafür kann man schon mal streiken, geht schließlich um das Savoir Vivre – das ist, glaube ich, französisch für spätrömische Dekadenz.
Air Berlin hat sich übrigens erst verhalten wie immer und dann vorbildlich – Chapeau, würde mein französischer Schwager sagen. Konkret: erst gab es keine Ansage darüber, warum das Boarding nicht statt findet, im Flieger wurden wir dann aufgeklärt. Es gab drei Versuche noch weg zu kommen, doch die Flugzeiten der Flugbegleiter lagen irgendwann über dem gesetzlich Erlaubten und damit mussten wir alle wieder von Bord. „Nicht so schlimm“, kommentierte Ursula Karven. „Ich wohne ja hier.“ Dann hängte sie sich ans Telefon. Neben ihr Sabine Christiansen, hinter ihr die Küster-Schwester. Christiansen und Karven versuchten Chefmäßig was zu reißen. „Estefania Küster muss das und das, dann und dann“, versuchte die Karven Druck auszuüben. Christiansen sagte in ihren chicen Blackberry: „Das kann dann ja die Karin machen oder wer morgen zuerst ins Büro kommt“. Was habe ich leider nicht gehört – vielleicht hat sie einfach nur schon mal den verlorenen Tag gemanagt.
Am nächsten Morgen schlugen die Vier wie wir wieder am Flughafen auf. Nix mit Umbuchen. Wie sagt man gleich noch in Schwaben: „We are all sitting in one boat.“ Oder wie mein seeliger Onkel, SPD-Bürgermeister und späterer MdL über das Zugfahren zu sagen pflegte: „Die erste Klasse fährt auch nicht schneller als die Zweite.“
Der letzte Versuch nach Berlin zu kommen, hatte dann auch nicht mehr Verspätung, als normal: knapp eine Stunde.
Was ich noch gelernt habe:
- die Tankstelle, wo man seinen Mietwagen auftanken kann, ist in Palma hinter der Abgabe. Also, einmal rum fahren um das Parkhaus und dafür fünf Minuten mehr einrechnen.
- mit Laptop in der Kneipe zu sitzen und tatsächlich und echt zu arbeiten, funktioniert tatsächlich und muss nicht immer posen sein.