Boheme der 20er trifft auf Hipster von heute

November 21st, 2013 · Keine Kommentare

Die Ausstellung „Wien Berlin – Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz“ in der Berlinischen Galerie in Berlin ist ein beeindruckendes Portrait einer Zeit in zwei Städten, aber vielmehr ist sie Zeugnis darüber wie wenig Unterschied rund 100 Jahre doch machen, wenn es um Vergnügen und (künstlerische) Selbstverwirklichung geht.

Egon Schiele
Eduard Kosmack, 1910
Belvedere, Wien, © erloschen

Eduard Kosmack ist nicht erfreut. Finster schaut er den Betrachter mit stechenden Augen an. Seine Arme liegen eng am Oberkörper, seine knochigen Hände sind zwischen seinen Knien eingeklemmt. Aber wovon zeugt seine Haltung? Bestimmtheit? Unsicherheit? Was ist seine Intention? Wartet Kosmack darauf, dass sich sein Gegenüber unsicher fühlt und dadurch etwas von sich preis gibt, das er ihm lieber nicht sagen möchte? Oder reift in ihm nur eine Entscheidung, die er gleich mitteilen wird? Eduard Kosmack gefiel das Bild ganz und gar nicht, dass der Wiener Maler Egon Schiele in seinem Auftrag 1910 gemalt hatte. Dem Verleger Kosmack schwebte wohl ein repräsentatives Gemälde für den Empfangsbereich seines Verlagsgebäudes vor, das ihn als gütigen Patriarchen und nicht als potentiell jähzornigen Chef zeigt. Konsequenterweise lehnte er das Bild ab. Schiele konnte es behalten. Neben dem Bild von Kosmack hängt ein Portrait des Künstler selbst, gemalt vom Kollegen Max Oppenheimer. Schiele, der nur 28 Jahre wurde, hat darauf einen Bürstenhaarschnitt, als ob er gerade aus dem Gefängnis, der Armee oder einer Irrenanstalt entlassen wurde. Sein Gesichtsausdruck und seine Hände verstärken diesen Eindruck nur. Letztere sind ähnlich lang und dürr wie die von Kosmack. Aber gleichzeitig wird eindringlich klar was wir hier sehen: einen begnadeten Künstler, der seine Arbeitswerkzeuge präsentiert.

Die Ausstellung deckt eine Spanne von den 90er Jahren des vorletzten Jahrhunderts bis in die 30er des Vergangenen ab. Sie zeichnet damit die Entwicklung von Kunst und Künstlern in zwei Metropolen, die damals wie heute zu den Lebendigsten der Welt gehören. Verstörend dabei ist fast wie aktuell und emotional ergreifend die Darstellungen auf den meisten der Bilder und Grafiken heute noch sind obwohl sich unsere Sehgewohnheiten doch grundlegend geändert haben. Die Intensität der Portraits von Kosmack und Schiele erreicht heute keines der so sauberen und gestochen scharfen Fotos und selbst der Horror von den Kriegsschauplätzen der Welt, die jeden Abend über die Hauptnachrichten in unsere Wohnzimmer kommen, können die verwackelten, als authentisch angesehenen, mit Mobiltelefonen gefilmten Video nicht annähernd so gut vermitteln wie die Grafiken von Otto Dix aus dem 1. Weltkrieg, der diesen Horror selbst erlebt hatte.

Josef Engelhart
Eine Wiener Straßenfigur (Der Pülcher), 1888, Belvedere, Wien (Leihgabe des Vereins der Museumsfreunde, Wien), © erloschen

Doch am Erstaunlichsten sind die Bilder, die eine Welt zeigen, die man zu kennen glaubt, weil man selber in ihr lebt. Zumindest für Berlin kann man sagen, dass diese Ausstellung ein große De-ja-Vu-Erlebnis ist. Kleidung, Technik, Ausstattung und die Art der Vergnügungsestablishments mag sich geändert haben. Die Sucht nach Unterhaltung, Party, künstlerischer Selbstverwirklichung, dem Kampf zwischen Avantgarde und Arriviertheit und einer enormen Lebenslust hat es nicht. Selbst die existentielle Bedrohung durch prekäre Beschäftigungen oder Arbeitslosigkeit, die in einigen Bildern thematisiert wird, existiert noch heute. Nur die Erinnerung oder Angst vor einem Krieg gibt es nicht mehr. Dafür kann man jetzt aber das Werk von John Heartfield und Rudolf Schlichter ‘Preußischer Engel’ nachempfinden, was laut Schild am besten geht, wenn man „täglich zwölf Stunden mit vollgepacktem Affen und feldmarschmäßig ausgerüstet auf dem Tempelhofer Feld“ marschiert, denn das ist seit einiger Zeit ja wieder möglich.

Die Ausstellung ist, gemessen an den Schlangen davor, schon jetzt immens populär. Und vor den Bildern trifft sich die Partygeneration von heute genauso wie die der goldenen 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Berlin war eben schon immer der Treffpunkt der Boheme und Hipster – ob analog oder digital. Daher trifft auch Henry Bings 1911 entstandene Zeichnung „Aus dem Café Größenwahn“ nach wie vor zu, in der ein Gast zum anderen sagt: „Ich bin Austauschbohemien aus dem Café des Westens.“ (Im Katalog auf S. 196). Ob das Oberholz oder ein anderes Berliner Café ein würdiger Nachfolger dieses Künstlertreffpunkts ist, muss allerdings jeder für sich selbst entscheiden.

Ernst Ludwig Kirchner
Frauen auf der Straße, 1915
Von der Heydt-Museum, Wuppertal
© erloschen

Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen der Berlinischen Galerie und der Österreichischen Galerie Belvedere. In ihr sind erstmals gemeinsam zentrale Werke der Wiener und Berliner Moderne von den Sezessionen über den Expressionismus bis hin zur Neuen Sachlichkeit zu sehen. Meisterwerke beider Sammlungen und bislang weniger beachtete Positionen geben im Zusammenspiel einen umfassenden Einblick in den intensiven Austausch beider Metropolen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Zu sehen ist die Sonderausstellung „Wien Berlin – Kunst zweier Metropolen. Von Schiele bis Grosz“ noch bis zum 27. Januar 2014 in der Berlinische Galerie in Berlin und vom 14. Februar bis zum 16. Juni 2014 in der Galerie Belvedere in Wien.

Eine kleine Auswahl der Bilder findet sich auf der Website der Berlinischen Galerie.

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