Berlinale 2014 – Mehr positives Denken bitte!

Februar 16th, 2014 · Keine Kommentare

Wer über Filmfestivals meckert, hat sich nur selbstverschuldet die falschen Filme angesehen

In Frankreich hieß es, man solle das gute Wetter während der gerade zu Ende gegangenen 64. Berlinale nutzen, um in der Sonne spazieren zu gehen, anstatt sich schlechte Filme anzusehen. Auch sonst hörte man immer wieder Unzufriedenheit mit der Filmauswahl. So schrieb Peter Körte bei faz.net nach der Preisverleihung: „Es war kein Jahrgang, an den man sich länger erinnern wird. Schon eher bestätigte sich der Eindruck, dass es Berlinale-Chef Dieter Kosslick und seiner Auswahlkommission einfach nicht gelingen will, eine hinreichend große Zahl wirklich überzeugender Filme für den Wettbewerb eines A-Festivals zu finden.“ Komisch, aber irgendwie hört man dieses Urteil jedes Jahr. Leider scheinen die Kollegen immer wieder zu vergessen, dass es faktisch jede Woche irgendwo auf der Welt ein Filmfestival gibt und selbst die vier wichtigsten davon – Berlin, Cannes, Venedig und Toronto [Aufzählung erfolgte nach ihrer Reihenfolge im Jahresreigen] – nicht unabhängig sind von der Politik der Filmproduzenten und -verleihe. Filmfestivals sind strategische Größen in der Herausbringung von Filmen. Eine Teilnahme an einem Filmfestival kann die Aufmerksamkeit für einen Film erhöhen, so dass mehr Menschen ihn sehen wollen. Negative Kritiken können einem Film aber auch schaden, so dass manche Filmemacher ihre Filme gar nicht auf einem Festival zeigen wollen – also nicht zur Verfügung stehen. Hinzu kommt, dass auf der Welt überhaupt nicht genügend Filme pro Jahr hergestellt werden, um den Hunger der Festivals mit Qualitätsfilmen zu decken, dass zudem nicht jedes Festival gleichermaßen für jeden Film geeignet ist und das darüber hinaus nicht Jedem jeder Film gefällt – etwas was bestimmte Kritiker, nämlich jene, die glauben, sie hätten die alleinige Definitionshoheit über das, was ein guter Film sei, nicht akzeptieren [natürlich gibt es objektive Kriterien, aber auch die werden meist nach eigenem Geschmack oder Kenntnisstand ausgelegt].

Sollte man daher nicht endlich damit aufhören heraus zu kehren, was einem nicht gefällt, und sich auf das besinnen, was ein Festival eigentlich ausmacht? Ein Showcase nämlich vom Filmschaffen in der Welt? Ein Temporärer zugegebenermaßen, denn im Mai ist ja schon wieder das Festival in Cannes und vor Berlin sind die Festivals in Sundance und Rotterdam und die haben alle ihren eigenen, subjektiven Blick auf die Welt des Films.

Wer sich ausschließlich auf die Filme des Wettbewerbs beschränkt, um einen starken oder schwachen Jahrgang eines Festivals zu diagnostizieren, macht es sich zu einfach bzw. beschränkt sich in seiner filmjournalistischen Arbeit. Offenbar ist es den meisten Nörglern nicht bewusst [obwohl sie es im Grunde wissen], dass die 64. Berlinale über 400 Filme in 10 Sektionen gezeigt hat. Nur wer – sagen wir mal – die Hälfte davon gesehen hat, dürfte sich m. E. ein Urteil darüber erlauben, welche Qualität das Festival an sich hatte. Ich habe 20, 21 Filme in fünf Sektionen gesehen. Die waren in der Tat nicht alle toll, aber es gab dabei nur einen Totalausfall, sprich ich bin gegangen. Ich fand das Festival in diesem Jahr aufgrund der von mir gesehen Filme stark! Da hatte ich ein glückliches Händchen bei der Auswahl gehabt – Masel tov! In den vergangenen Jahren gab es deutlich mehr Ausfälle und mittelmäßige Filme, die ich schon wieder vergessen habe.

Und die stärksten Filme findet man bei einem Filmfestival ohnehin nicht im Wettbewerb sondern in den Nebensektionen. In Generation etwa, der Sektion, die Filme für Kinder und Jugendliche zeigt, die einem jedes Jahr aufs Neue verblüffen oder im Panorama, das gemeinsam mit dem Forum immer wieder zeigt, wie stark etwa die asiatischen Filme sind, von denen ich ein großer Fan bin. Vor Enttäuschungen ist man aber auch hier nicht gefeit. Insbesondere nicht bei den koreanischen Filmen, denn der Totalausfall war einer. Ein weiterer hatte zwar eine tolle Geschichte, war aber in einem langsamen, bedeutungsschwangerem Stil gefilmt, wie es deutsche Regisseure auch gerne tun, um sich so ihr Publikum vom Hals zu halten. Der Knaller waren die Filme aus Hong Kong und China. Hong Kong war mit einen abstrusen Endzeitfilm vertreten, der keine Erklärung liefert, dem aber ein zweiter Teil folgen wird und einem extrem brutalen, visuell virtuos gestalteten Actionfilm, der sich höchst philosophisch mit dem Bösen in einem selbst auseinandersetzt. Wer sich jedoch nur auf den Wettbewerb konzentriert, verpasst solche Perlen, die zeigen wie man gleichzeitig Mainstream und das Nachdenken über sich selbst vereinen kann. Aber Hong Kong war auch im Wettbewerb vertreten und hat mit „Black Coal, Thin Ice“ nicht nur den Hauptpreis des Festivals, den Goldenen Bären, sondern auch den Silbernen Bären für den Besten Darsteller, abgeräumt. Dass bei der Berlinale ein Film zwei Preise bekommt, ist extrem selten. [Zur Gewinnerliste geht es übrigens hier lang.] Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben, sollte „No Man’s Land“, ebenfalls aus der Volksrepublik, ebenfalls im Wettbewerb. Der Film ist ein grandioses Gemälde über eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist miteinander zu kommunizieren und zurück fällt in den vorstaatlichen Naturzustand des Menschen. Jeder versucht seinen Gegenüber zu übervorteilen oder gleich zu töten. Der Film gibt Thomas Hobbes Recht, der festgestellt hat, dass der Mensch des Menschen Wolf ist. Und dabei sind Wölfe soziale Tiere! Nur der Mensch tötet aus Gier, Eitelkeit und verletztem, eingebildeten Stolz.

Bei einer so großen Auswahl an Filmen, viele davon mit extrem starken gesellschaftsrelevanten Themen und/oder künstlerisch durchkomponierten Bildern, wie der deutsche Bären-Gewinner „Kreuzweg“, die schon erwähnten „No Man’s Land“ und „That Demon Within“ oder das schwarz-weiß-Essay „The Better Angels“ aus dem Dunstkreis von Terence Malick, ist es beinahe unredlich von einem schwachen Jahrgang zu reden, denn spiegelt dieses Urteil in Wahrheit nicht die gute oder schlechte Wahl der Filme, die man selber getroffen hat und zu der man von Niemanden gezwungen wurde?! Und ist ein Festival nicht auch dafür da zu entdecken, was impliziert, dass es auch Enttäuschungen gibt? Anstatt immer nur über ‘Kunstscheiß‘ zu nölen [was auch, aber nicht immer, seine Berechtigung hat], wäre es doch schöner zu erfahren, warum man einen Film liebt und welchen Beitrag er warum zum gesellschaftlichen und/oder künstlerischen Diskurs beiträgt. Wollen wir denn nicht alle weiter kommen? Und dazu trägt ein Filmfestival bei wie kaum eine Form der medialen Vermittlung.

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