Cartoon Movie in Lyon: Keimzelle europäischer Animationsfilme

März 10th, 2014 · Keine Kommentare

Was Animationsfilm – oder wie viele es noch nennen – ‘Zeichentrick’ angeht, leben wir in Deutschland im Tal der Ahnungslosen. Wir glauben nämlich, dass es außer computeranimierten Family Entertainment aus den USA – wie aktuell „Die Abenteuer von Mr. Peabody & Sherman“, für Erwachsene kaum erträgliche Zeichentrickfilme deutscher Provenienz, die auf Fernsehserien basieren und selbst im Kino so aussehen, wie – äh, schon verdrängt – und den ein oder anderen hochgelobten japanischen Film aus dem Hause Ghibli keine andere Art von Animation auf der Welt gibt.

Die spanisch-kanadische Produktion “Magic Veil” (c) Big Bang Box

Dass Animation jedoch eine sehr lebendige Kunst- und Unterhaltungsform ist, sieht man, wenn man sich die Mühe macht eine Reise nach Frankreich zu unternehmen. Dort gibt es einerseits das Animationsfestival in Annecy im Juni, aber auch den europäischen Finanzierungsmarkt für Animationsspielfilme Cartoon Movie Anfang März in Lyon. Der ist sehr viel besser geeignet um sich einen Überblick über die Kreativität europäischer Animationsfilmemacher zu machen, als ein Festival. Denn während bei einem Festival nur fertige Filme gezeigt werden, werden bei Cartoon Movie Filme in allen Stufen von der Ideen über die Produktion bis hin zum fertigen Film vorgestellt. So weiß man immer was wie Themen gerade unterwegs sind, welche Arten von Animation entwickelt und genutzt werden und für welches Zielpublikum Geschichten entwickelt werden. Einige der Ideen werden Mangelns weiterer Partner nicht umgesetzt, den meisten gelingt es aber Unterstützung aus anderen Ländern zu finden.

Eine der deutschen Produktionen: “Die Biene Maja – Der Film” (c) Studio 100 Media

Cartoon Movie fand 2014 zum 16. Mal statt. Seit seiner Gründung 1999 (die ersten zehn Jahre wurde Cartoon Movie im Studio Babelsberg in Potsdam ausgerichtet) hat es maßgeblich dazu beigetragen, dass sich eine europäische Animationsindustrie entwickeln konnte. Marc Vandeweyer, General Director von Cartoon, verweist stolz darauf, dass es vor Cartoon Movie quasi keine europäischen Animationsfilme gab während jetzt pro Jahr 30 bis 45 entstehen. Die Bedeutung der Animationsindustrie spiegelt sich auch in der Entwicklung von Cartoon Movie. „Die Teilnehmerzahl ist seit den Anfängen des Markts um 50 Prozent gestiegen“, vermerkte Vandeweyer in Lyon. In der Tat war es diesen März mit ca. 750 Teilnehmern voll wie nie.

Und noch ein deutscher Film: “Richard der Storch” (c) Knudsen & Streuber Medienmanufaktur

Vorgestellt wurden 60 Projekte aus 40 Ländern (kurz mal nachrechnen: die EU hat 28 Länder (wovon Zypern geografisch allerdings zu Asien gehört), Europa hat insgesamt 46 souveräne Staaten, die ganz oder teilweise innerhalb deren geografischer Grenzen befinden), wovon sich Frankreich wie nie zuvor an die Spitze der europäischen Animation setzte. 22 Projekte kamen aus dem Land, in dem die 9. Kunst (wie Comics in Frankreich genannt werden) eine fast ehrfürchtige Hochachtung erfährt, davon sieben sogar aus der Region Rhône-Alpes, der Region um Lyon, die neben Paris als das Zentrum der französischen Animationsindustrie gilt. Sechs Projekte kamen aus Norwegen (insgesamt entfielen auf die nordischen Länder ein-viertel aller Einreichungen) und je vier aus Deutschland, Polen, Italien und Finnland. Die Herstellungskosten aller Filme addieren sich auf 357 Mio. Euro. 16 Filme entstehen oder sollen in stereoskopischem 3D entstehen.

Eine weitere in Lyon vorgestellte deutsche Produktion: “Ooops! Noah ist weg …” (c) Ulysses Filmproduktion

Die vier deutschen Projekte sind „Biene Maja – Der Film“, der am 18. September in die Kinos kommt, „Richard, der Storch“, „Ooops! Noah ist weg…“ und „Die Reise des Elefanten Soliman“, die es im 16. Jahrhundert tatsächlich gegeben hat.

“Die Reise des Elefanten Soliman” (c) Studio 88

Beim 16. Cartoon Movie wurde dieses Jahr wieder eine große Bandbreite an Filmen präsentiert, die sich mit den verschiedensten Stilen an die verschiedensten Altersgruppen wendet. Auffällig dabei ist, dass sich der Anteil von Filmen für junge Erwachsene und Erwachsene zum Vorjahr verdoppelt hat und nun 30 Prozent der präsentierten Filme ausmacht. Der Animationsfilm entdeckt dafür nicht nur schwerere Themen sondern macht sich dafür auch einen ‘erwachseneren’ Humor zunutze. So etwa in der Verfilmung der auch in Deutschland enorm erfolgreichen ‘Clever & Smart’-Comics aus Spanien mit ihrem anarchistischem und zerstörerischem Humor.

Als Comic seit Jahrzehnten erfolgreich in Spanien und Deutschland: “Clever & Smart” (c) Zeta Cinema

Offiziell läuft dieses Projekt zwar unter Familienprogramm, doch die gezeigten Szenen lassen darauf schließen, dass hier ein eindeutig älteres Publikum angesprochen werden soll. Unterhaltung für die ganze Familien lässt sich halt besser vermarkten.

Wie „Clever & Smart“ basieren einige Stoffe auf Comics oder Büchern.

Ursprünglich eine Comicserie aus Quebec, Kanada: “The Bellybuttons” (c) Depuis Edition & Audiovisuel

Etwa „Bellybuttons“, aus Kanada, in dem drei Teenager mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften im Mittelpunkt stehen oder „Blind Willow, Sleeping Woman“, der auf drei Geschichten des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami basieren und für dessen Umsetzung der ungarische Regisseur des Films einen eigenen Stil entwickelt hat, der sich leicht und rasch umsetzen lässt.

“Blind Willow, Sleeping Woman” (c) Pierre Földes

Geht es hier eher um die eigenen tiefen Befindlichkeiten widmet sich „The Tower“ etwa den Problemen in einem libanesischem Flüchtlingslager. In „Chris the Swiss“ erzählt die Autorin Anja Kofmel die Geschichte ihres Cousins Chris, der im kroatischen Bürgerkrieg zuerst als Journalist und dann als Söldner teil nahm. Offensichtlich wurde er von seinen eigenen Leuten umgebracht, der rechtsgerichteten Söldnergruppe ‘First Platoon of International Volunteers’, die sich nur formiert hat, um unbehelligt Menschen zu töten.

“Chris the Swiss” (c) Dschoint Ventschr

Leichter geht es hingegen in der Abenteuergeschichte „Longway North“ zu, in der sich ein Mädchen Ende des 19. Jahrhunderts von St. Petersburg aus aufmacht, um ihren Großvater zu folgen, der auf dem Weg zum Nordpol verschollen ist. Auch in „Amundsen & Nobile“ ist der Nordpol Thema, aber auch die Frage, wozu Eitelkeit Männer treibt.

“Longway North” (c) Sacrebleu productions

Von den nicht-deutschen Produktionen dürfte kaum eine bei uns in die Kinos kommen. Mit etwas Glück sind sie vielleicht auf Arte zu sehen oder sie werden auf einem Online-Portal zugänglich gemacht. Ansonsten sollte man während seines nächsten Spanien- oder Frankreich-Urlaubs mal die mit Animation überschriebenen Regale in den DVD-/Blu-ray-Abteilungen der dortigen Elektromärkten durchforsten – es lohnt sich!

“Amundsen & Nobile” (c) Mikrofilm

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