Mama, warum darf ich den Film nicht sehen?

August 4th, 2014 · Keine Kommentare

Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) gibt Filme nach Altersklassen frei – je nachdem ob sie das Wohl der potentiellen Zuschauer in der entsprechenden Altersklasse gefährden oder nicht. Um auf der Höhe der digitalen Zeit zu sein, hat die FSK nun eine eigene Film-App heraus gegeben.

 

Screenshot der App mit Regler für die Alterfreigabe

So hilfreich die App auch ist, die Altersfreigaben und ihre Begründungen sind keine Filmempfehlungen wie Sie hier lesen können:

Meine 13-jährige Nichte erklärte Letztens ganz stolz sie habe mit ihren Freundinnen “Die Schadenfreundinnen” im Kino gesehen – immerhin sei der Film ab 12 [hier irrte sie, denn der Film ist tatsächlich ab 6, da laut Prüfbegründung, eine desorientierende Wirkung für Kinder ausgeschlossen werden kann]. Auf die Frage, ob sie alles verstanden habe und eventuell noch was wissen wolle, sage sie, dass alles klar sei. Als ich den Witz mit der ‘Manustration’ nacherzählte und fragte, ob sie dies verstehe, verneinte sie. Meine Schwester war darüber nicht unglücklich. Offenbar hat der Film Spaß gemacht und das arme Mädchen wurde nicht verdorben – noch nicht! Die Jugendfreigabe war also nicht zu tief angesetzt, obwohl man sich fragen könnte, was Kinder und junge Teenager mit einem Film anfangen sollen, in dem sich die Ehefrau, die Geliebte und die Nebengeliebte an dem untreuen Sack rächen auf den sie eine Zeit lang rein gefallen sind und der sich eindeutig an ältere Mädels richtet. Aber das zu beurteilen, bleibt glücklicherweise den Zuschauern und den Eltern selber überlassen. Die FSK beurteilt nur, ob Kinder beim Genuss bestimmter Filme in ihrer seelischen Entwicklung einen Schaden nehmen könnten indem sie menschenfeindlichen Haltungen oder verrohender Gewalt ausgesetzt sind, die sie im Gegensatz zu Erwachsenen [ich bin mir der Ironie der Aussage bewusst, ist aber nun halt mal so] nicht einordnen können, und so – da sie glauben, das sei der normale Umgangston – zum sexistischen Arschloch, Axtmörder oder rücksichtslosen Rotsünder oder Hedgefondsmanager werden könnten. Offiziell ausgedrückt wird die Aufgabe und Existenz der FSK so begründet: „Anliegen […] ist die wirksame Durchsetzung der im Grundgesetz verankerten Meinungs- und Informationsfreiheit, insbesondere der Presse- und Kunstfreiheit, in Abwägung mit anderen Grundrechten, wie dem Grundrecht von Kindern und Jugendlichen auf körperliche, geistige und seelische Unversehrtheit.”

 

Begründung Altersfreigabe für “Fack Ju Göthe”

Die Entscheidungen der FSK sind übrigens bindend. Eltern dürfen sich nicht über sie hinweg setzen. Sie dürfen also keine Kinder mit ins Kino nehmen [und den Ticketverkäufer anschreien oder drohen, der ihnen mit Hinweis auf die FSK-Freigabe keine Karte verkaufen will], die jünger sind als die Altersfreigabe (außer bei FSK-12-Filmen, denn dort dürfen auch Kinder ab 6 in Begleitung eines Erziehungsberechtigten, der ihnen Fragen beantwortet und rechtzeitig die Augen zuhält, mit). Selbstverständlich dürfen sie sie zu hause auch nicht die Filme auf DVD (BluRay, VoD und illegalen Stream beim Begriff DVD bitte immer mitdenken) oder im Fernsehen sehen lassen [ich kann nichts dafür, dass sich das anhört, als ob das ein einziger Witz sei – glauben Sie mir! Es ist ernst gemeint.]. Filme, die ab 16 bzw. 18 frei gegebenen sind, dürfen ohnehin nicht vor 22 Uhr gezeigt werden (und die ab 12 nicht vor 20 Uhr). Ab 22 Uhr verdient man mit Werbung aber nicht mehr soviel Geld, weshalb es schon schick ist eine 12er oder gar 6er-Freigabe zu haben (s. Problematik „Die Schadenfreundinnen”).

In einem unterhaltsamen Kurzvideo erklärt die FSK die groben Gründe für die Alterseinstufungen.

Um Eltern und Minderjährige bei der Filmauswahl zu unterstützen, hat die FSK kürzlich eine eigene App heraus gegeben. Im Grunde ist sie wie alle anderen Film-Apps auch. Sie zeigt an welche Filme gerade laufen, verlinkt zu den Trailern, gibt Basisinformationen zu den Filmen – wie Länge, Genre oder Altersfreigabe. Allerdings fehlt ihr die Funktion ‘Kinos in Ihrer Nähe, die den Film zeigen’. Das liegt daran, dass man den Datenumfang der App niedrig halten wollte. Es bleibt zu hoffen, dass diese Manko schnell behoben wird, denn im Zweifel entscheidet man sich doch für eine App, die auch anzeigt, wo und wann ein Film läuft.

Die Idee der FSK-App ist auch vielmehr Filme nach Altersfreigaben zu filtern und zwar nicht nur unter den aktuellen Kinofilmen sondern auch bei den angesagten DVDs und Serien. Außerdem gibt es alle Begründungen für die Altersfreigaben dazu. Die sind kurz und pointiert und eignen sich sogar als Entscheidungshilfe, ob ein Film überhaupt dem eigenen Filmgeschmack entspricht [wenn man Minderjährig ist] oder für den Nachwuchs geeignet ist [für aktive, mitdenkende Erziehungsberechtigte]. Auszüge aus der Begründung des aktuell laufenden „von einer Erzählerstimme begleiteten, überwiegend ruhig erzählten” [das deutet auf extreme Langeweile hin] Schiller-Films „Die geliebten Schwestern”, in dem der Dichterfürst mit zwei Schwestern rum macht und eine Ménage-à-trois führt [ein Konzept, das nicht allen schmeckt und von dem nicht jeder möchte, dass Minderjährige damit konfrontiert werden]: „[…] [Der Film] richtet sich deutlich an ein erwachseneres Publikum, doch eine Beeinträchtigung von Kindern im Schulalter ist nicht zu befürchten. Sowohl Liebesszenen als auch dramatische Ereignisse sind dezent inszeniert und wechseln mit ausgedehnten ruhigen Passagen ab, sodass 6-Jährige sich emotional ausreichend distanzieren können und nicht überfordert werden.”

 

Caren Marks MdB, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bei der Vorstellung der App in Berlin.

Jugendschutz und Medien sind eine diffizile Angelegenheit. Der Staat hat eine Schutzaufgabe gegenüber Minderjährigen, ebenso die Eltern, die zudem noch Erziehungsaufgaben wahrnehmen, bei denen sie mehr oder weniger vom Staat – also der Gemeinschaft – unterstützt werden. Etwa mit der FSK-App. Bei deren Vorstellung in Berlin sagte Caren Marks MdB, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend denn auch: „Der Jugendschutz kann nur funktionieren, wenn er akzeptiert und verstanden wird. Dass Kinder mit Medien gut aufwachsen, ist zuerst Aufgabe der Eltern, dass kann ihnen der Jugendschutz nicht abnehmen.” Doch mit der App, so Caren Marks weiter, wird die Medienkompetenz von Eltern und Kindern gestärkt, auch weil sie sich intensiv mit den Begründungen der FSK auseinandersetzen. Dies zeigen die Zuschriften, die die FSK seit Jahren regelmäßig erhält.

Insofern ist die FSK-App nützlich, hilf- und lehrreich sowie Teil des Filmkulturellen Diskurses, was sogar bedeutet, dass sie auch für Erwachsene ohne Kinder ihren Reiz hat – nur den Location-Finder, den sollte man noch nachbessern, denn der ist nun halt mal eine Killer-Applikation [pun intended].

Tags: Allgemein